Hospitation an der Diamant Skole in Oslo

Mitarbeiterinnen der Nikolauspflege haben vom 20.5-21.5.26 an der Diamant Skole (Taub-blinden Schule) in Oslo hospitiert und am Kongress in Tromsö (Norwegen)  zum Thema „Assessment and intervention across the sensory modalities: understanding the importance oft he tactile modality“ (TWMS) teilgenommen. 


Eindrücke zum norwegischen Bildungssystem


Während der Hospitation in der Diamanten Skole konnten interessante Einblicke in die Strukturen des norwegischen Bildungssystems gewonnen werden. Grundsätzlich werden Schülerinnen und Schüler wohnortnah an Regelschulen beschult. Kinder und Jugendliche mit Behinderungen besuchen häufig spezielle Klassen innerhalb dieser Schulen, die mit Integrationsklassen vergleichbar sind. In diesen Klassen lernen Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen gemeinsam.

Schülerinnen und Schüler mit Taubblindheit (TB) erhalten häufig eine persönliche Assistenz. Die Lehrkräfte werden zusätzlich durch sogenannte „Advisor“ unterstützt, die über besondere Expertise im Bereich Taubblindheit verfügen. Diese fachliche Beratung findet jedoch lediglich etwa viermal pro Jahr statt. Die Schülerinnen und Schüler werden täglich mit einem Fahrdienst zur Schule gebracht und kommen aus einem Einzugsgebiet mit Fahrzeiten von bis zu einer Stunde. Jede Person verfügt über einen eigenen Unterrichtsraum, in dem der überwiegende Teil des Unterrichts stattfindet. Zusätzlich gibt es verschiedene Differenzierungsräume, beispielsweise einen Musikraum, eine Küche, einen Bewegungsraum sowie einen Sensorikraum. Dort treffen sich gelegentlich auch zwei bis drei Schülerinnen und Schüler für gemeinsame Unterrichtsangebote. Die Räume werden jedoch auch in 1:1 Situationen genutzt.

Für alle Schülerinnen und Schüler in Norwegen existiert ein verbindlicher Bildungsplan. Für Kinder und Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf werden die Inhalte individuell angepasst und auf ihre Möglichkeiten abgestimmt. Dieser Prozess erfolgt durch staatliche Fachkräfte in enger Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrkräften. Die festgelegten Ziele und Maßnahmen werden regelmäßig hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls angepasst.

Der Unterricht in der Diamanten Skole ist stark individualisiert und konsequent an den Bedürfnissen der einzelnen Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. Besonders auffällig war die Möglichkeit, sich jederzeit aus Unterrichtssituationen zurückzuziehen oder Pausen im eigenen Raum einzulegen. Dadurch können Überforderungssituationen und mögliche Eskalationen häufig vermieden werden. Durch die sehr individualisierte Förderung können im Vergleich zum Setting in Regelschulen können im Bereich der Kommunikationsentwicklung und -förderung beeindruckende Fortschritte erreicht werden. Zudem die Lehrkräfte sehr viel Zeit und personelle Ressource haben, um zum Beispiel Videoaufnahmen und – analysen durchzuführen.
 

Symposium / der Konferenz zum Thema TWMS

Die vergleichsweise geringe Teilnehmerzahl von rund 100 Personen sowie das einheitliche Vortragsprogramm förderten den direkten Austausch unter den Teilnehmenden. Insbesondere die Pausen boten vielfältige Möglichkeiten für fachliche Diskussionen und die Vernetzung mit internationalen Kolleginnen und Kollegen. Vertreten waren Fachkräfte aus der Schweiz, den Niederlanden, Schweden, Finnland, Norwegen, Brasilien, den USA, Kanada und Deutschland.

Die Vorträge beschäftigten sich sowohl mit den wissenschaftlichen Grundlagen der TWMS als auch mit deren praktischer Anwendung. Viele der Teilnehmenden hatten bereits eine internationale Online-Schulung zum Supervisor im Bereich TWMS absolviert. Diese Qualifizierung wurde bislang zweimal angeboten. Weitere Schulungen sind derzeit nicht geplant. Allerdings wird darüber nachgedacht, wie das Assessment langfristig weiterentwickelt und einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

Ein besonders interessantes Thema war die zunehmende Anzahl von Kindern mit BAVI (Brain-based Auditory and Visual Impairment). In diesem Zusammenhang wurde berichtet, dass Jude Nicholas gemeinsam mit einem Expertenteam an der Entwicklung eines spezifischen Diagnostikinstruments arbeitet.

Die TWMS stellt ein wertvolles Assessmentverfahren dar, um Menschen mit Taubblindheit sowie Personen aus dem erweiterten Personenkreis hinsichtlich ihrer kognitiven (Arbeitsgedächtinis) und sozial-emotionalen Entwicklung einzuschätzen und daraus geeignete Interventionsmaßnahmen abzuleiten. Besonders wertvoll erscheint die intensive Auseinandersetzung mit den Themen Taktilität und Berührung, da diese Aspekte für die Arbeit mit diesem Personenkreis von zentraler Bedeutung sind. 

 

 

Bilder

Einrichtung:
Betty-Hirsch-Schulzentrum